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Was ist MTSS?

Multi-Tiered Systems of Support — Definition, Logik, Herkunft und Forschungsstand.

Definition

Multi-Tiered Systems of Support (MTSS) bezeichnen einen evidenzbasierten, mehrstufigen Handlungsrahmen, mit dem Schulen alle Schüler*innen systematisch fördern. MTSS wurde in den USA aus den Vorläuferkonzepten Response to Intervention (RTI; akademisch) und Positive Behavioral Interventions and Supports (PBIS; verhaltensbezogen) zu einem integrierten Gesamtsystem zusammengeführt.

Ein MTSS verbindet vier Kernelemente:

  • universelles Screening aller Schüler*innen,
  • gestufte, evidenzbasierte Interventionen unterschiedlicher Intensität,
  • engmaschige Verlaufsdiagnostik zur Wirksamkeitskontrolle,
  • datenbasierte Entscheidungen darüber, wer welche Förderung wann erhält und wann sie angepasst wird.

MTSS ist damit weder ein Programm noch eine einzelne Methode, sondern ein organisatorisch-konzeptioneller Rahmen, in den einzelne Programme und Methoden eingeordnet werden.

Die Logik des Stufenmodells

Schüler*innen benötigen unterschiedliche Mengen und Intensitäten an Unterstützung. MTSS organisiert Förderung deshalb präventiv und gestuft, statt zu warten, bis sich Schwierigkeiten verfestigt haben.

Stufe 1 (Universalprävention) ist die Grundlage. Hochwertiger, evidenzbasierter Regelunterricht und ein wirksames Klassenmanagement sind so gestaltet, dass die Mehrheit der Schüler*innen — typischerweise rund 80 % — damit ausreichend gefördert ist.

Stufe 2 (Selektive Prävention) ergänzt Stufe 1 für Schüler*innen, die in Screenings oder Verlaufsdaten zusätzlichen Bedarf zeigen. Sie erhalten meist in Kleingruppen kurze, fokussierte Interventionen mit klaren Wirksamkeitskriterien.

Stufe 3 (Indizierte Prävention) richtet sich an Schüler*innen mit anhaltenden, komplexen Bedarfen. Die Förderung ist intensiv, individualisiert und basiert auf vertiefter Diagnostik, etwa einer funktionalen Verhaltensanalyse.

Die Stufen sind durchlässig: Schüler*innen wechseln auf Grundlage von Daten zwischen den Ebenen. Die Zuordnung zu einer Stufe ist immer temporär und reversibel. Ein Kind „gehört" nicht zu Stufe 2 oder 3, sondern erhält so lange entsprechende Unterstützung, wie die Daten dies nahelegen. → Detaillierte Beschreibung der drei Stufen

Herkunft und Entwicklung

MTSS hat seine Wurzeln in der US-amerikanischen Schulforschung und wird seit den 1960er-Jahren stetig weitergedacht. Die grundlegenden Hauptkonzepte sind:

Response to Intervention (RTI)

RTI entstand im Bereich akademischer Förderung — insbesondere im frühen Leseerwerb — als Alternative zum sogenannten Wait-to-fail-Modell. Anstatt Lernschwierigkeiten erst zu diagnostizieren, wenn sie deutlich sichtbar werden, sollen Kinder früh erkannt und schrittweise intensiver gefördert werden.

Positive Behavioral Interventions and Supports (PBIS)

PBIS entstand parallel im verhaltensbezogenen Bereich, getragen vor allem vom Center on PBIS um George Sugai und Robert Horner an der University of Oregon. PBIS überträgt die Logik der gestuften Prävention auf das Sozialverhalten in der Schule.

MTSS verbindet beide Linien zu einem integrierten Gesamtsystem, das akademische und verhaltensbezogene Förderung gemeinsam denkt. In neueren Konzeptionen wird auch sozial-emotionales Lernen einbezogen.

MTSS, RTI, PBIS — was ist der Unterschied?

Die drei Begriffe werden in Forschung und Praxis häufig vermischt. Knapp unterschieden:

RTI

enger gefasst, primär auf akademische Förderung (insbesondere Lesen und Mathematik) ausgerichtet.

PBIS

enger gefasst, primär auf verhaltensbezogene Förderung ausgerichtet.

MTSS

der Oberbegriff. Ein vollständiges MTSS umfasst sowohl akademische als auch verhaltensbezogene Förderung innerhalb desselben schulweiten Systems.

In den USA gilt MTSS heute als der zeitgemäße Begriff; RTI und PBIS werden zunehmend als Vorläufer- bzw. Teilkonzepte verstanden, die im Rahmen eines MTSS zusammengeführt werden.

MTSS im deutschsprachigen Raum

In Deutschland und im deutschsprachigen Raum ist MTSS bisher kein flächendeckend implementiertes System. Forschungs- und Modellvorhaben adaptieren das Konzept jedoch zunehmend an den deutschen Schulkontext — insbesondere im Bereich der Förderung des Sozialverhaltens in der Grundschule.

Ein Beispiel ist Multimo, ein an der Universität zu Köln entwickelter mehrstufiger Förderansatz für die Grundschule. Multimo kombiniert das Good Behavior Game als Universalintervention (Stufe 1), Daily Behavior Report Cards als selektive Maßnahme (Stufe 2) und ein einzelfallbezogenes Coaching nach dem SCEP-Ansatz (Stufe 3). Die Wirksamkeit der Komponenten wurde in mehreren Studien empirisch geprüft.

multimo5–7: Weiterentwicklung für den Übergang Vorschule – Grundschule

Im Rahmen des Projekts multimo5–7 wird ein MTSS zur frühzeitigen Erkennung und Förderung von Kindern mit Lern- oder Verhaltensrisiken entwickelt und implementiert. Ziel ist es, durch eine enge Verzahnung von schulischen und familialen Förderstrukturen die Schulbereitschaft sowie die schulische und emotional-soziale Entwicklung von Kindern im Übergang von der Vorschule bis zum Ende der ersten Klasse systematisch zu unterstützen. Grundlage für die eingesetzten pädagogischen Maßnahmen sind zwei Bedarfsanalysen, die die Herausforderungen und Bedarfe der jeweiligen Schulen systematisch erfassen.

Das Forschungsvorhaben wird im Kreis Mettmann an vier Grundschulen durchgeführt und wissenschaftlich begleitet. Untersucht wird insbesondere die Wirksamkeit diagnostisch gestützter Interventionen im schulischen Alltag (Stufen 1–3) sowie der vorbereitenden Eltern-Kind-Sitzungen vor Schuleintritt. Neben der Förderung der Kinder werden auch elterliche Kompetenzen und schulische Rahmenbedingungen einbezogen. Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn umfasst sowohl die Wirkung der eingesetzten Maßnahmen als auch Fragen zur Umsetzbarkeit und Akzeptanz bei den Beteiligten.

Ein besonderer Fokus liegt auf der Implementation des MTSS unter Praxisbedingungen sowie auf der Untersuchung evidenzbasierter Fördermaßnahmen im schulischen Alltag.

mtss.info wird im weiteren Ausbau auf diese und weitere Implementationsbeispiele detailliert eingehen.

Evidenzbasis

Die Wirksamkeit von MTSS und seinen Teilbereichen ist international vielfach untersucht. Zentrale Befunde im Überblick:

  • Schulweite PBIS-Implementation zeigt positive Effekte auf das Schulklima und prosoziales Verhalten (Bradshaw et al., 2010, 2012; Charlton et al., 2020), fördert soziale Kompetenzen bei Schüler:innen mit Förderbedarf (Öğülmüş & Vuran, 2016) und kann die Stressbelastung von Lehrkräften reduzieren (Aasheim et al., 2018).
  • Akademisches RTI ist insbesondere im frühen Leseerwerb gut belegt (Fuchs & Vaughn, 2012).
  • Eine systematische Übersichtsarbeit zur verhaltensbezogenen MTSS-Forschung in der Grundschule findet positive, jedoch heterogene Effekte und betont die zentrale Rolle der Implementationsqualität (Nitz et al., 2023, Heliyon).

Die Wirksamkeit hängt wesentlich davon ab, wie gut ein MTSS umgesetzt wird. Implementation Fidelity, also das Ausmaß, in dem ein System wie geplant praktiziert wird, ist eine zentrale Größe der MTSS-Forschung. → Zur Forschungsseite

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Center on PBIS — What is PBIS? (pbis.org/pbis/what-is-pbis)
  2. National Center on Intensive Intervention / MTSS Center — Essential Components of MTSS (mtss4success.org)
  3. Bradshaw, C. P., Mitchell, M. M., & Leaf, P. J. (2010). Examining the effects of school-wide Positive Behavioral Interventions and Supports on student outcomes: Results from a randomized controlled effectiveness trial in elementary schools. Journal of Positive Behavior Interventions, 12(3), 133–148, doi:10.1177/1098300709334798.
  4. Fuchs, D., & Vaughn, S. (2012). Responsiveness-to-intervention: A decade later. Journal of Learning Disabilities, 45(3), 195–203, doi:10.1177/0022219412442150.
  5. Nitz, J., Brack, F., Hertel, S., Krull, J., Stephan, H., Hennemann, T., & Hanisch, C. (2023). Multi-tiered systems of support with focus on behavioral modification in elementary schools: A systematic review. Heliyon, 9(6), doi:10.1016/j.heliyon.2023.e17506