Die drei Stufen
Wie MTSS Förderung organisiert: universell, selektiv, indiziert.
Förderung als Kontinuum
Einer der zentralen Aspekte gestufter Fördersysteme ist die Förderung in Form von Stufen (tiered system). Auf jeder Stufe werden unterschiedliche Hilfen und Interventionen implementiert, die von Stufe 1 zu Stufe 3 bezogen auf die Intensität zunehmen.
Die Bedarfe von Schüler*innen verteilen sich auf einem Kontinuum verschiedener Unterstützungsstufen. MTSS greift dieses Kontinuum auf: Ein*e Schüler*in kann sich z. B. im Fach Mathematik auf Stufe 1 befinden und im Bereich des Verhaltens auf Stufe 3 gefördert werden. Die Zuordnung zu einer Stufe ist immer temporär und bedarfsorientiert, kein Etikett, sondern eine datenbasierte Förderentscheidung.
Die häufig genannten Verteilungswerte (rund 80 % auf Stufe 1, 10–15 % auf Stufe 2, 1–5 % auf Stufe 3) sind grobe Orientierungsgrößen entlang von Prävalenzraten, keine starren Vorgaben.
Stufe 1 — Universelle Prävention
Für alle Schüler*innen
Was passiert auf Stufe 1?
Stufe 1 bildet die Grundlage jedes MTSS. Alle Schüler*innen erhalten hochwertigen, evidenzbasierten Unterricht und ein wirksames Klassenmanagement. Im verhaltensbezogenen Bereich umfasst dies das Festlegen und Einüben von sozialen Erwartungen (z. B. Respekt, Verantwortung, Sicherheit) sowie das systematische positive Verstärken erwartungskonformen Verhaltens.
Ziel
Lern- und Verhaltensschwierigkeiten vorbeugen, bevor sie entstehen, und durch universelles Screening diejenigen frühzeitig identifizieren, die zusätzliche Unterstützung benötigen.
Beispiele für Stufe-1-Maßnahmen
- Schulweite Verhaltensregeln und -routinen
- Evidenzbasiertes Classroom Management
- Gruppenkontingenzverfahren wie das Good Behavior Game (GBG)
- Universelle Screenings (z. B. Verhaltenseinschätzungen durch Lehrkräfte, curriculumbasiertes Messen)
- Anerkennungssysteme für angemessenes Verhalten
Wenn Stufe 1 gut implementiert ist, reicht sie für die große Mehrheit der Schüler*innen aus. Die Qualität der universellen Ebene bestimmt maßgeblich, wie viele Kinder überhaupt weiterführende Unterstützung benötigen.
Stufe 2 — Selektive Prävention
Rund 10–15 % der Schüler*innen
Was passiert auf Stufe 2?
Stufe 2 ergänzt den Regelunterricht durch zielgerichtete, meist kleingruppenbasierte Interventionen für Schüler*innen, die trotz guter universeller Förderung nicht ausreichend Fortschritte machen. Die Maßnahmen sind zeitlich begrenzt, klar strukturiert und werden engmaschig auf Wirksamkeit überprüft.
Ziel
Durch fokussierte Unterstützung verhindern, dass sich erste Schwierigkeiten verfestigen — und so den Bedarf an intensiver Stufe-3-Förderung reduzieren.
Beispiele für Stufe-2-Maßnahmen
- Daily Behavior Report Cards (DBRC) — tägliche, individuelle Verhaltensrückmeldungen
- Check-in / Check-out (CICO) — strukturierte Tagesbesprechungen
- Sozialkompetenztrainings in Kleingruppen
- Mentoring-Programme
Typisch: mehrmalige Förderung pro Woche, ca. 20–40 Minuten, über einen Zeitraum von etwa 6–12 Wochen.
Die Forschung zeigt, dass Stufe-2-Interventionen übergreifend wirksam sind, insbesondere in den Bereichen Verhalten und Lesefähigkeiten, vorausgesetzt, die richtigen Schüler*innen werden durch geeignete Screening-Verfahren identifiziert.
Stufe 3 — Indizierte Prävention
Rund 1–5 % der Schüler*innen
Was passiert auf Stufe 3?
Stufe 3 richtet sich an Schüler*innen mit anhaltenden, komplexen Bedarfen, die auch mit Stufe-2-Interventionen nicht ausreichend gefördert werden. Die Förderung ist hochintensiv, individualisiert und basiert auf vertiefter Diagnostik, typischerweise einer funktionalen Verhaltensanalyse (FBA).
Ziel
Durch individuell zugeschnittene Interventionen die spezifischen Bedarfe einzelner Schüler*innen adressieren und so Teilhabe am schulischen Lernen sicherstellen.
Beispiele für Stufe-3-Maßnahmen
- Funktionale Verhaltensanalyse (FBA) als Grundlage der Förderplanung
- Individualisierte Verhaltenspläne (Behavior Intervention Plans)
- Einzelfallbezogenes Coaching für Lehrkräfte (z. B. nach dem SCEP-Ansatz)
- Therapeutische Bildungsprogramme und multimodale Interventionen
Typisch: intensive, teils tägliche Förderung, individuell geplant, mit engmaschiger Verlaufsdiagnostik.
Auf Stufe 3 ist die multiprofessionelle Zusammenarbeit besonders wichtig: Lehrkräfte, sonderpädagogische Fachkräfte, Schulpsycholog*innen und ggf. externe Therapeut*innen arbeiten gemeinsam an der Förderplanung.
Wie werden Förderentscheidungen getroffen?
MTSS setzt auf datengeleitetes Vorgehen (decision making): Förderentscheidungen werden nicht auf Grundlage von Intuition oder singulären Beobachtungen getroffen, sondern systematisch anhand von Screening- und Verlaufsdaten.
Universelle Screenings, z. B. Verhaltenseinschätzungen durch Lehrkräfte oder standardisierte Tests, identifizieren mehrmals im Schuljahr, welche Schüler*innen zusätzliche Unterstützung benötigen.
Verlaufsdiagnostik (progress monitoring) überprüft engmaschig, ob die eingesetzten Interventionen wirken. Im US-amerikanischen Kontext wird häufig ein Zeitraum von etwa sechs Wochen als Entscheidungsgrundlage empfohlen.
Förderteams (problem-solving teams), bestehend aus Lehrkräften, sonderpädagogischen Fachkräften und Schulberater*innen, werten die Daten gemeinsam aus und passen die Förderung an. Diese multiprofessionelle Zusammenarbeit entlastet die einzelne Lehrkraft und erhöht die Qualität der Entscheidungen.
Keine starren Grenzen
Die Stufen sind durchlässig. Schüler*innen wechseln auf Grundlage von Daten zwischen den Ebenen, in beide Richtungen. Es gibt kein MTSS, das perfekt auf jede Schule oder Schulform passt: Die konkrete Ausgestaltung der Stufen orientiert sich immer an den Ressourcen, Schutzfaktoren, Risikofaktoren und dem Umfeld der jeweiligen Schule.
Interventionen sind nicht als unveränderbar und abgeschlossen zu betrachten, sondern je nach Kind flexibel adaptierbar. Ein MTSS ist ein lebendes System: Die Weiterentwicklung der eingesetzten Maßnahmen ist integraler Bestandteil des Konzepts. → Forschungsbefunde zu den Stufen
Quellen
- Batsche, G. M. (2014). Multi-tiered system of supports for inclusive schools. In J. McLeskey et al. (Eds.), Handbook of effective inclusive schools. Routledge.
- Goodman-Scott, E., Betters-Bubon, J., & Donohue, P. (2023). The school counselor's guide to multi-tiered systems of support. Routledge.
- Grosche, M., & Volpe, R. J. (2013). Response-to-intervention (RTI) as a model to facilitate inclusion for students with learning and behaviour problems. European Journal of Special Needs Education, 28(3), 254–269, doi:10.1080/08856257.2013.768452.
- Nitz, J. (2024). Mehrstufige Förderung im Kontext externalisierenden Verhaltens in der Grundschule. Inauguraldissertation, Universität zu Köln.